Bindungstypen in Beziehungen zeigen sich oft in ganz alltäglichen Momenten: Er sitzt abends noch am Laptop, sie sitzt daneben und hat das Gefühl, ihm gerade nicht wichtig zu sein.
Sie würde gern reden, er ahnt schon, dass gleich der Satz kommt „Wir müssen mal reden", und zieht sich innerlich noch ein Stück weiter zurück.
Je mehr sie drängt, desto mehr geht er auf Abstand. Und je mehr er auf Abstand geht, desto größer wird ihre Angst.
Diese Szene erlebe ich in meiner Praxis immer wieder. Und fast nie steckt dahinter böser Wille. Dahinter stecken zwei Muster, die sich gegenseitig hochschaukeln, ohne dass einer von beiden das durchschaut.
Es gibt vier Bindungstypen bei Erwachsenen: den sicheren, den ängstlichen (unsicher-ambivalenten), den vermeidenden (unsicher-vermeidenden) und den desorganisierten Bindungstyp. Sie beschreiben, wie Du mit Nähe umgehst und was in Dir passiert, wenn es in Deiner Beziehung eng wird. Rund 60 Prozent der Menschen sind sicher gebunden, der Rest verteilt sich auf die drei unsicheren Muster.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- 4 Bindungstypen: sicher, ängstlich (unsicher-ambivalent), vermeidend (unsicher-vermeidend) und desorganisiert (ängstlich-vermeidend).
- Sicher ist am häufigsten: Rund 59 Prozent der Erwachsenen sind sicher gebunden, etwa 25 Prozent vermeidend und 11 Prozent ängstlich.
- Das Muster zeigt sich unter Druck: Bei Streit, Funkstille, zu viel Nähe oder zu viel Distanz springt der Bindungstyp an, im entspannten Alltag merkst Du davon wenig.
- Alle Typen können zusammenpassen: Entscheidend ist nicht die Kombination, sondern ob beide bereit sind, ihr Muster anzuschauen.
- Häufigste Falle: Ängstlich und vermeidend geraten leicht in einen Kreislauf, in dem Drängen und Rückzug sich gegenseitig verstärken.
- Bindungstypen sind veränderbar: Durch neue Beziehungserfahrungen und Arbeit am eigenen Selbstwert kann eine erarbeitete Sicherheit entstehen.
- Keine Diagnose: Der Bindungstyp ist eine Landkarte zur Orientierung, kein Etikett und keine psychische Störung.
Mir ist gleich zu Beginn wichtig: Bindungstypen sind für mich keine feste Schublade, in der man steckt, und auch kein Etikett, das Dir angehängt wird. Ich sehe das eher wie eine Landkarte, auf der es hilft, sich ein Stück weit zu orientieren.
In diesem Artikel erfährst Du, welche vier Typen es gibt, welche Kombinationen in Beziehungen typisch sind, woran Du Dein eigenes Muster erkennst und warum Du diesem Muster nicht ausgeliefert bist.
Was sind Bindungstypen in einer Beziehung?
Der Bindungstyp beschreibt das Muster, nach dem ein Mensch in engen Beziehungen mit Nähe, Distanz und Unsicherheit umgeht. Er zeigt, wie sicher sich jemand fühlt und wie er reagiert, wenn der Partner sich zurückzieht. Bindungstyp, Bindungsstil und Beziehungstyp meinen dabei dasselbe.
Im Kern geht es dabei um zwei tief sitzende Fragen. Die eine ist: Bin ich es wirklich wert, geliebt zu werden? Und die zweite ist: Wie sicher bin ich in meiner Verbindung?
Wir gehen ja als soziale Wesen in Verbindung, weil wir Wertschätzung wollen, weil wir anerkannt werden wollen. Und gleichzeitig, das ist das Paradox, sehnen wir uns nach Freiheit und Autonomie, danach, wir selbst zu sein.
Schön wird es, wenn es uns gelingt, beides in Balance zu bringen.
Geprägt wurde dieses Muster vor allem dadurch, wie Deine engsten Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren auf Dein Bedürfnis nach Nähe reagiert haben. Woher diese Idee kommt und wie belastbar sie ist, liest Du weiter unten im Kapitel zur Psychologie.
Wichtig für den Alltag ist vor allem eines: Im entspannten Zustand merkst Du von Deinem Bindungstyp meistens wenig.
Er springt dann an, wenn es eng wird. Bei Stress, bei Streit, bei Funkstille, bei zu viel Nähe oder bei zu viel Distanz.
Ich merke im Gespräch oft genau in dem Moment, dass ein Muster aktiv ist, wenn jemand plötzlich schneller spricht, sich rechtfertigt oder ganz still wird. Dann redet meistens nicht mehr der erwachsene Mensch, der mir gegenübersitzt, sondern etwas sehr Altes in ihm.
Welche Bindungstypen gibt es? Die 4 Bindungstypen im Überblick

Vielleicht hast Du schon gelesen, dass es drei Bindungstypen gibt. Manchmal sind es auch sechs.
Das liegt daran, dass die Forschung ursprünglich mit drei Mustern gearbeitet hat und der vierte, der desorganisierte Typ, erst später ergänzt wurde. Es gibt auch Studien, die von mehr als vier Typen ausgehen.
Ich arbeite mit vier, weil sich damit fast alles abbilden lässt, was mir in der Praxis begegnet. Und weil sehr viele Menschen ohnehin eine Mischform sind.
| Sicher | Ängstlich (unsicher-ambivalent) | Vermeidend (unsicher-vermeidend) | Desorganisiert (ängstlich-vermeidend) | |
|---|---|---|---|---|
| Umgang mit Nähe | Genießt Nähe und bleibt dabei bei sich | Sehnt sich nach Nähe und zweifelt gleichzeitig | Nähe fühlt sich schnell nach Enge an | Will Nähe und Abstand im selben Moment |
| Unter Stress | Spricht an, was ist, und hält Konflikte aus | Geht nach vorn, sucht Kontakt, klärt sofort | Geht nach innen, macht es mit sich selbst aus | Springt zwischen beidem hin und her |
| Typischer innerer Satz | „Wir kriegen das geklärt." | „Bin ich wirklich gemeint?" | „Ich kann es ihr eh nicht recht machen." | „Komm her, geh weg." |
| Grundbedürfnis | Verbindung und Freiheit im Gleichgewicht | Sicherheit und Bestätigung | Autonomie und Ruhe | Sicherheit, die sich nicht bedrohlich anfühlt |
Sicherer Bindungstyp
Der sichere Bindungstyp kann Nähe genießen und fühlt sich in seiner Beziehung sicher. Er ist tatsächlich der, der am häufigsten vertreten ist.
Ich hätte das ehrlich gesagt gar nicht gedacht, aber bei mir in der Praxis treffen natürlich vor allem die unsicheren Typen aufeinander.
Sicher gebunden heißt nicht, dass bei diesen Menschen alles glatt läuft. Es heißt, dass sie im Konflikt handlungsfähig bleiben.
Sie können sagen, was sie brauchen. Sie halten es aus, wenn der andere sauer ist. Und sie gehen nicht sofort davon aus, dass die ganze Beziehung in Frage steht, nur weil der Partner mal einen schlechten Tag hat.
Wenn Du dieser Typ bist, gibt es trotzdem etwas Spannendes für Dich: Wenn Dein Partner ein anderes Muster hat, trägst Du in Eurer Beziehung oft mehr, als Dir bewusst ist.
Ängstlicher Bindungstyp (unsicher-ambivalent)
Das ist der Typ, der sich nach Nähe sehnt und gleichzeitig unsicher ist, ob das hier wirklich stimmt.
Bin ich wirklich gemeint? Werde ich wirklich so geliebt? Passt das zu mir und meinem eigenen Selbstwert?
Die Antennen sind bei diesem Typ immer ausgefahren. Er merkt sehr schnell, wenn sich zwischen Euch etwas verändert, oft schon, bevor der andere es selbst bemerkt.
Das ist eine echte Stärke. Sie kostet nur ziemlich viel Kraft.
Typisch ist außerdem, dass dieser Typ häufig auch ein Thema mit dem eigenen Selbstwert hat. Wenn sich jemand nicht meldet, kommt schnell der Gedanke: Habe ich etwas Falsches gesagt?
Vermeidender Bindungstyp (unsicher-vermeidend)
Dieser Typ geht schnell in den Rückzug.
Er hat oft das Gefühl, ich kann es dem anderen sowieso nicht recht machen, und macht die Dinge lieber mit sich selbst aus.
Dahinter steckt meistens etwas früh Gelerntes: dass Bindung eben auch unsicher sein kann und dass es sicherer ist, sich auf sich selbst zu verlassen.
Von außen sieht dieser Rückzug oft aus wie Desinteresse. Meistens ist er das Gegenteil.
Das ist übrigens selten eine bewusste Entscheidung. Es passiert einfach.
Desorganisierter Bindungstyp (ängstlich-vermeidend)
Beim vierten Typ kommen zwei Impulse gleichzeitig. Der Wunsch nach Nähe und der Wunsch nach Abstand, oft im selben Moment.
Das sind häufig Menschen, die schwierigere Erfahrungen gemacht haben, manchmal auch traumatische, in Kindheit oder Jugend.
Dieses Muster macht Beziehungen anstrengend, und zwar für den betroffenen Menschen selbst am meisten.
Wenn Du Dich hier wiedererkennst und das Thema Dich stark belastet, dann ist das kein Muster, das Du allein anschauen musst. Neben einer Beratung kann hier auch eine therapeutische Begleitung der richtige und wichtige Weg sein.
Welcher Bindungstyp bin ich? Der Bindungstyp Test
Ich habe einen Bindungstyp Test entwickelt, mit dem Du in etwa fünf Minuten eine erste Einschätzung bekommst.
Der Test arbeitet bewusst nicht mit abstrakten Aussagen zum Ankreuzen, sondern mit 16 Situationen aus dem ganz normalen Beziehungsalltag. Genau da zeigt sich das Muster nämlich, und nicht in einer Selbsteinschätzung.
So läuft es ab:
- 16 Alltagsszenen, etwa fünf Minuten
- Dein Kurzergebnis siehst Du sofort, ohne dass Du etwas eingeben musst
- Die ausführliche Auswertung mit konkreten Impulsen schicke ich Dir anschließend per Mail
Ein Hinweis dazu: Der Test ist eine Orientierung und keine Diagnose. Er sagt Dir, in welche Richtung Du tendierst, und er ist ein Startpunkt für das, was danach kommt.
Bindungstyp erkennen: Woran Du Dein Muster und das Deines Partners bemerkst

Dein Bindungstyp zeigt sich selten in guten Momenten. Er zeigt sich in den unbequemen.
Anzeichen für deinen Bindungstyp bei Dir selbst
Achte einmal darauf, was in Dir passiert, wenn es unangenehm wird:
- Nach einem Streit: Willst Du sofort klären, oder bist Du froh über die Ruhe? Oder willst Du beides gleichzeitig?
- Bei Funkstille: Hältst Du es aus, wenn der andere sich einen Tag nicht meldet, oder fängt Dein Kopf sofort an zu arbeiten?
- Bei unerwarteter Nähe: Wenn Dein Partner ohne Anlass sagt, dass er Dich liebt, freust Du Dich einfach? Oder wirst Du unsicher und fragst Dich, ob er das gerade wirklich so meint?
- Wenn Du etwas brauchst: Sagst Du es? Oder wartest Du darauf, dass er es von allein merkt?
- Bei Kritik: Kannst Du sie stehen lassen, oder stellt sie für Dich gleich die ganze Beziehung in Frage?
Wenn Du bei mehreren Punkten dasselbe Muster erkennst, dann hast Du Deine Richtung.
Anzeichen für den Bindungstyp Deines Partners oder Deiner Partnerin
Beim anderen ist es schwieriger, und das hat einen Grund. Am Anfang einer Beziehung zeigt sich das Muster oft gar nicht.
Es kommt erst dann zum Vorschein, wenn die Beziehung verbindlicher wird, und das dauert meistens einige Monate.
Worauf Du achten kannst:
- Was macht er oder sie, wenn es Streit gab? Kommt danach Kontakt oder Stille?
- Wie reagiert er auf Deine Bedürfnisse? Fühlt er sich eingeladen oder unter Druck gesetzt?
- Wird er bei Nähe ruhiger oder unruhiger?
- Erzählt er von sich, wenn es ihm schlecht geht, oder wechselt er das Thema?
Und jetzt kommt das Wichtigste dazu.
Ich habe die Haltung, dass wir das alles gar nicht so rigoros sehen sollten. Sobald Du Deinen Partner diagnostizierst und ihm ein Etikett aufklebst, seid ihr keinen Schritt weiter.
Der Satz „Du bist halt vermeidend" hat noch keine einzige Beziehung verbessert. Die Frage „Was passiert in Dir, wenn ich das anspreche?" schon.
Welche Bindungstypen passen zusammen?

Grundsätzlich passen alle Bindungstypen zusammen. Ein sicher gebundener Partner stabilisiert eine Beziehung am stärksten, ist aber keine Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft. Entscheidend ist nicht die Kombination selbst, sondern ob beide bereit sind, ihr Muster anzuschauen und daran zu arbeiten.
Spannend wird es immer dann, wenn zwei Muster aufeinandertreffen. Und das erleben wir in ganz unterschiedlichen Konstellationen.
Sicher und sicher
Das ist die stabilste Basis. Beide können sagen, was sie brauchen, und beide halten aus, wenn der andere gerade nicht in Bestform ist.
Das heißt aber nicht, dass es hier keine Konflikte gibt. Auch zwei sicher gebundene Menschen streiten, verletzen sich und reden manchmal aneinander vorbei.
Der Unterschied ist: Sie steigen nicht so leicht ins Drama ein und finden schneller wieder zueinander.
Sicher und unsicher: Kann eine sichere Beziehung heilen?
Ja, und ich kann das aus eigener Erfahrung sagen.
Für einen unsicher gebundenen Menschen ist ein sicherer Partner die heilsamste Konstellation, die es gibt. Er geht voran, er bleibt ruhig, wenn der andere unsicher wird, und er nimmt das Drama nicht auf.
Das Paradoxe daran: Genau diese Menschen werden von unsicher Gebundenen oft als weniger anziehend empfunden, weil das gewohnte Auf und Ab fehlt.
Wenn Du also gerade mit jemandem zusammen bist, bei dem es sich ruhig und verlässlich anfühlt, und Du denkst, da fehlt die Spannung, dann schau da bitte zweimal hin.
Was man fairerweise dazusagen muss: Der sichere Part trägt in so einer Beziehung viel. Auch er braucht Momente, in denen jemand ihn hält.
Ängstlich und vermeidend: Die Nähe-Distanz-Falle
Das ist die Kombination, die bei mir in der Praxis am häufigsten auf dem Sofa sitzt.
Und tatsächlich taucht bei mir der unsicher-ambivalente Typ häufiger bei den Frauen auf und der unsicher-vermeidende bei den Männern. Das ist meine Erfahrung, keine Regel, und die Forschung sieht hier zwar dieselbe Tendenz, aber nur einen kleinen Unterschied.
Der Ablauf ist fast immer derselbe:
- Sie spürt Distanz und sucht Kontakt.
- Er fühlt sich unter Druck und zieht sich zurück.
- Ihre Angst wird größer, also drängt sie mehr.
- Sein Bedürfnis nach Ruhe wird größer, also geht er weiter weg.
Das ist ein Tanz, den beide nicht so richtig durchschauen. Und das Bittere daran ist, dass jeder mit seinem Verhalten genau das bestätigt, was der andere ohnehin befürchtet.
Sein Rückzug beweist ihr, dass sie um Liebe kämpfen muss. Ihr Drängen beweist ihm, dass Nähe anstrengend ist.
Der Ausweg beginnt fast nie damit, dass einer sein Verhalten ändert. Er beginnt damit, dass beide verstehen, dass es kein böser Wille ist, sondern ein Muster.
Ein Paar, mit dem ich gearbeitet habe, hat es so gelöst: Er sagt jetzt, wann er wieder da ist, statt einfach still zu werden. Und sie wartet diese Zeit ab, statt nachzusetzen.
Das klingt klein. Es hat bei ihnen alles verändert. Wie Ihr solche Absprachen für Euch findet, liest Du auch in meinem Artikel über Grenzen in der Beziehung.
Mein Tipp an dieser Stelle: Macht den Bindungstyp Test beide und setzt Euch danach zusammen. Redet wirklich über Eure Ergebnisse, dann wird aus dem Tanz, der auseinandergeht, eher wieder ein gemeinsamer.
Ängstlich und ängstlich
Hier gibt es viel Nähe, viel Austausch und oft auch viel Intensität.
Das Problem ist, dass niemand die Ruhe reinbringt. Wenn beide bei Unsicherheit nach vorne gehen, wird aus jedem kleinen Missverständnis schnell ein großes Gespräch.
Diese Paare reden viel. Sie kommen nur nicht immer zur Ruhe.
Vermeidend und vermeidend
Nach außen wirkt das oft sehr harmonisch. Es gibt wenig Streit, beide respektieren die Freiheit des anderen.
Die Frage ist nur, wie viel Verbindung noch da ist.
Diese Paare leben irgendwann nebeneinanderher, ohne dass ein einzelner Moment schuld wäre. Es fällt oft erst auf, wenn eine Krise kommt und die Nähe fehlt, die man dann bräuchte.
Desorganisiert in der Partnerschaft
Wenn einer von beiden dieses Muster hat, ist die Beziehung meistens sehr anstrengend, vor allem für ihn selbst.
Nähe und Rückzug wechseln sich ab, oft ohne erkennbaren Auslöser. Der Partner weiß nicht, woran er ist, und das erzeugt wiederum Unsicherheit auf beiden Seiten.
Dieses Muster schaut man sich besser nicht allein an. Hier ist professionelle Begleitung nicht nur hilfreich, sondern oft der entscheidende Schritt.
Bindungstypen unter Druck: Warum Dein Muster im Job kaum auffällt, zu Hause aber schon

Unser Bindungsmuster zeigt sich nicht nur in der Liebe. Es zeigt sich in allen Beziehungen, also auch im Job.
Es gibt im Beruf Menschen, die sich jahrelang in ihrer Rolle und in ihren Aufgaben verstecken.
Leistung ist dann auch so eine wunderbare Tarnung. Hinter dieser Fassade können wir gut dafür sorgen, dass wir funktionieren und dass bloß keiner merkt, wie es uns eigentlich gerade wirklich geht.
Und diese Rolle legen manche im Privaten gar nicht ab. Natürlich sind sie dann Ehemann oder Vater, aber sie bleiben in diesem gleichen musterhaften Verhalten, ohne die Hüllen ein Stück fallen zu lassen.
Genau deshalb fällt das Muster im Job kaum auf. Zu Hause aber schon.
Ich erlebe immer wieder, dass gerade Männer dann das Gefühl haben: Ich kann es ihr eh nicht recht machen, ich mache das lieber mit mir selber aus. Und da ist auch ein Stück weit an uns Frauen appelliert.
Für mich ist das übrigens sehr vertraut. Ich war selbst Führungskraft und bin heute mit einem Unternehmer verheiratet.
Drei ehrliche Fragen möchte ich Dir für den Jobkontext mitgeben:
- Wie gut kannst Du Deinem Team vertrauen, ohne alles kontrollieren zu müssen?
- Wie gehst Du eigentlich mit Kritik um?
- Lässt Du im Job auch den Menschen zu, oder bleibst Du rein in Deiner Rolle als Führungskraft?
Mein Fazit dazu ist klar: Wer sich in sich sicherer fühlt, der führt auch anders, ruhiger und souveräner. Weil er nicht jede negative Rückmeldung sofort als Bedrohung versteht.
Wenn Du dazu tiefer einsteigen willst, findest Du hier mein Beziehungscoaching speziell für Führungspersönlichkeiten. In meinem Podcast Leaders in Love spreche ich außerdem regelmäßig über genau dieses Spannungsfeld zwischen Verantwortung im Job und Nähe zu Hause.
Bindungstypen aus Sicht der Psychologie: Was die Forschung sagt
Das Thema ist nicht neu und es ist auch nicht unumstritten. Ich finde es wichtig, dass Du weißt, worauf das alles eigentlich beruht.
Von der Bindungstheorie zur Liebe zwischen Erwachsenen: Hazan und Shaver
Angefangen hat die Bindungsforschung mit John Bowlby und Mary Ainsworth. Beide haben untersucht, wie Kinder eine Bindung zu ihren wichtigsten Bezugspersonen aufbauen.
Der entscheidende Schritt für uns kam 1987. Cindy Hazan und Phillip Shaver untersuchten damals die Möglichkeit, dass romantische Liebe ein Bindungsprozess ist, also ein Prozess, durch den sich zwischen erwachsenen Liebenden Bindungen formen, ganz ähnlich wie früher im Leben zwischen Kind und Eltern. (Quellen: APA PsycNet und Hazan & Shaver, 1987, Journal of Personality and Social Psychology)
Sie beschrieben die Bindungsstile Erwachsener zunächst mit denselben drei Kategorien, die Ainsworth bei Kindern verwendet hatte, und ließen Erwachsene jeweils die Beschreibung auswählen, die am besten zu ihrem Erleben in Liebesbeziehungen passte. (Quelle: Lumen Learning)
Das Vier-Kategorien-Modell nach Bartholomew und Horowitz
Wenige Jahre später kam Kritik an dieser starren Einteilung.
Bartholomew stellte die kategoriale Sichtweise infrage und schlug vor, Bindung bei Erwachsenen über zwei Dimensionen zu beschreiben, nämlich bindungsbezogene Angst und bindungsbezogene Vermeidung. Aus diesen zwei Dimensionen ergeben sich vier Felder. (Quelle: Bartholomew & Horowitz, 1991)
Und genau das sind die vier Typen, mit denen ich arbeite.
Bindungsangst und Bindungsvermeidung: Die zwei Dimensionen
Das ist für mich der wichtigste Punkt des ganzen Kapitels.
Wenn Bindung auf durchgehenden Dimensionen gemessen wird, wie mit der Skala Experiences in Close Relationships von Brennan, Clark und Shaver, werden die Grenzen zwischen den Kategorien weniger starr und Menschen liegen auf einem Spektrum aus Angst und Vermeidung. (Quelle: Connectedcouples)
Das deckt sich genau mit dem, was ich erlebe. Es gibt nicht nur diesen einen Typen und den anderen Typen, sondern ganz viele Mischformen.
Manchmal ist es sogar fast ein bisschen tagesformabhängig.
Was die Verteilung angeht, gibt es eine große repräsentative Untersuchung aus den USA. Dort waren 59 Prozent sicher gebunden, 25 Prozent vermeidend und 11 Prozent ängstlich. Die Zahlen ergeben bewusst keine 100 Prozent, weil sich ein Teil der Befragten nicht eindeutig zuordnen ließ. (Quelle: ResearchGate)
Ehrlich gesagt hätte ich das gar nicht gedacht, dass der sichere Typ so deutlich überwiegt. Bei mir in der Praxis treffen ja vor allem die unsicheren Muster aufeinander.
Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit dazu: Diese Tests arbeiten mit Selbstauskunft und mit Erinnerungen an die eigene Kindheit. Beides ist nicht besonders zuverlässig.
Auch Temperament, Genetik und alles, was Du später erlebt hast, zahlen darauf ein, wie es um Deine Bindungskompetenz steht.
Deswegen sehe ich das Ganze eben als Landkarte und nicht als Gesetz.
Emotionsfokussierte Paartherapie: Bindung als Kern der Paarbeziehung
Ich habe mich im Rahmen einer Fortbildung bei Prof. Dr. Christian Roesler intensiver mit der Emotionsfokussierten Paartherapie nach Sue Johnson beschäftigt. Dieser Ansatz hat meine Arbeit stark geprägt.
Die Grundidee ist, dass das wesentliche Bedürfnis in Paarbeziehungen die sichere emotionale Verbindung ist. Paarkonflikte lassen sich dann als Unterbrechung dieser Bindung verstehen und Streit als ein Ringen um die emotionale Erreichbarkeit des Partners. (Quelle: Eftcd)
Das verändert den Blick auf einen Streit vollkommen.
Wenn sie sagt „Du bist nie da", dann ist das kein Vorwurf über den Kalender. Das ist die Frage: Bist Du erreichbar für mich?
Und wenn er schweigt, dann ist das meistens keine Gleichgültigkeit, sondern Überforderung.
Wie gut das wirkt, ist gut untersucht. In einer neueren Studie erholten sich 61 Prozent der Paare vollständig, 11 Prozent verbesserten sich, bei 25 Prozent blieb es unverändert und 4 Prozent verschlechterten sich. (Quelle: PubMed Central)
Mehr dazu auf Deutsch bei der EFT Community Deutschland.
Kann man seinen Bindungstyp ändern?

Bindungsmuster sind stabil, aber nicht in Stein gemeißelt. In der Forschung spricht man von erarbeiteter Sicherheit, wenn Menschen trotz schwieriger früher Erfahrungen im Erwachsenenalter ein sicheres Bindungsmuster entwickeln. Entscheidend dafür sind neue, korrigierende Beziehungserfahrungen und die bewusste Arbeit am eigenen Selbstwert.
Ich bin da sehr überzeugt, weil ich es selbst erlebt habe.
Ich war am Anfang ganz sicher der unsicher-ambivalente Typ. Heute gehöre ich zum sicheren Bindungstyp.
Ich habe mich früher in Beziehungen sehr schnell geöffnet und war im nächsten Moment total unsicher, wenn sich jemand nicht sofort gemeldet hat. Dann kam sofort der Gedanke: Habe ich vielleicht etwas Falsches gesagt?
Zwei Dinge haben das verändert.
Das eine war mein Mann. Er war sicher und er ist vorausgegangen.
Er hat schon nach wenigen Wochen zu mir gesagt: „Ich weiß schon, dass ich der Richtige für dich bin. Du weißt das nur noch nicht."
Er hat meine Ambivalenz gespürt und mich immer wieder, im übertragenen Sinne, an die Hand genommen und mich da durchgeführt.
Das Zweite war mein Selbstwert. Ich habe angefangen, an mir zu arbeiten und meine Persönlichkeit an vielen Stellen zu hinterfragen.
Und beides spielt ineinander. Wenn jemand liebevoll an Deiner Seite ist, macht das etwas mit Deinem Inneren. Und was in Deinem Inneren stärker wird, gibst Du wieder nach außen.
Wenn Du dieses Thema für Dich vertiefen willst, hilft Dir auch mein Artikel über positive und negative Glaubenssätze in der Beziehung.
5 Schritte zu einer sichereren Bindung
- Muster erkennen. Nicht bewerten, erst einmal nur sehen, was da passiert.
- Auslöser benennen. In welchen konkreten Momenten springt es an? Meistens sind es wenige, immer gleiche Situationen.
- Den Raum zwischen Reiz und Reaktion nutzen. Zwischen dem, was passiert, und dem, was Du tust, liegt ein Moment. In diesem Moment liegt Deine Freiheit.
- Bedürfnisse aussprechen statt sie zu senden. Nicht „Du bist nie da", sondern „Ich brauche heute Abend eine halbe Stunde mit Dir".
- Neue Erfahrungen zulassen. Wenn Dein Partner zuverlässig ist, dann nimm das auch an, statt auf den Haken zu warten.
Eine Übung, die ich Klienten oft mitgebe: Schreib eine Woche lang jeden Abend zwei Sätze auf. Was hat mich heute unsicher gemacht, und was hätte ich in dem Moment wirklich gebraucht?
Nach einer Woche siehst Du Dein Muster schwarz auf weiß.
Und noch etwas, weil das viele unterschätzt: Das dauert. Nicht zwei Wochen, eher Monate.
Ich bin ja bei allem, auch in der Arbeit mit meinen Klienten, so: Dieses „Ich bin halt so" akzeptiere ich sowieso nicht. Wir haben uns über die letzten 20, 30, 40 Jahre verändert, und das ist nach wie vor möglich.
Wann Unterstützung sinnvoll ist: Coaching, Paarberatung oder Therapie?

Nicht jedes Bindungsthema braucht Begleitung. Vieles könnt ihr als Paar selbst klären, wenn ihr erst einmal versteht, was da passiert.
Sinnvoll wird Unterstützung meistens dann, wenn Ihr folgende Punkte bei Euch wiederfindet:
- Ihr führt immer wieder dasselbe Gespräch und nichts verändert sich
- Einer von Euch zieht sich immer weiter zurück
- Ihr funktioniert nach außen gut und spürt innerlich kaum noch Verbindung
- Du merkst, dass Dein Muster stärker ist als Dein Vorsatz
In meiner Arbeit schauen wir uns an, welches Muster bei Euch anspringt, was dahinter liegt und wie Ihr im Alltag anders miteinander umgehen könnt. Mein Beziehungscoaching für Erwachsene und Paare setzt genau da an.
Wo ich klar abgrenze: Wenn es um traumatische Erfahrungen, um eine Depression oder um eine psychische Erkrankung geht, dann gehört das in therapeutische Hände. Beratung und Coaching ersetzen keine Psychotherapie, und ich sage das auch offen, wenn ich merke, dass jemand bei mir nicht richtig aufgehoben ist.
Worin genau sich die Angebote unterscheiden, habe ich hier aufgeschrieben: Paarcoaching, Paarberatung und Paartherapie im Vergleich.
Wenn Du unsicher bist, was für Dich passt, dann buche einfach ein kostenloses Erstgespräch. Da finden wir das gemeinsam heraus.
Fazit: Dein Bindungstyp ist ein Muster, kein Urteil
Bindungstypen in Beziehungen beschreiben, wie Menschen in Partnerschaften mit Nähe, Distanz und Unsicherheit umgehen. Sie erklären wiederkehrende Reaktionen, etwa bei Streit oder Funkstille, sind aber kein festes Urteil. Durch Selbstreflexion und neue Beziehungserfahrungen lassen sie sich verändern.
Mehr als Orientierung und ein bisschen Klarheit geben sie Dir aber auch nicht. Wenn Du jetzt den Test machst und eine Idee hast, welcher Typ Du bist, dann ist das ein Startpunkt und nicht Dein Schicksal.
Denn ich bin überzeugt davon: Was bei mir funktioniert hat, das funktioniert auch bei Dir. Wenn ich meinen Bindungstyp verändern konnte, dann wirst Du das auch können, wenn Du es möchtest.
Und das Schönste daran ist, dass Ihr das nicht allein machen müsst. Redet über Eure Ergebnisse, dann versteht Ihr vielleicht besser, wie Ihr Euch wieder näher kommen könnt und was jeder von Euch wirklich braucht.
Damit aus dem Tanz, der auseinandergeht, wieder ein gemeinsamer wird.
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Häufige Fragen zu Bindungstypen in der Beziehung
Wie viele Bindungstypen in Beziehungen gibt es?
In der Erwachsenenforschung wird im Allgemeinen von vier Bindungstypen ausgegangen: sicher, ängstlich, vermeidend und desorganisiert. Ursprünglich waren es drei, der desorganisierte Typ kam erst später hinzu. Je nach Quelle ist deshalb von drei, vier oder sogar mehr Bindungstypen die Rede.
Welcher Bindungstyp ist in Beziehungen am häufigsten?
Der sichere Bindungstyp ist bei Erwachsenen am weitesten verbreitet. In einer großen repräsentativen US-Studie waren rund 59 Prozent sicher gebunden, 25 Prozent vermeidend und 11 Prozent ängstlich. Etwa vier von zehn Menschen tragen demnach ein unsicheres Bindungsmuster in sich.
Ist Bindungsangst ein eigener Bindungstyp in der Beziehung?
Bindungsangst gilt in der Forschung nicht als eigener Bindungstyp, sondern als eine von zwei Dimensionen, aus denen sich die Typen ergeben. Die zweite ist Bindungsvermeidung. Umgangssprachlich meint Bindungsangst meist das vermeidende oder das desorganisierte Bindungsmuster.
Passen ängstlicher und vermeidender Bindungstyp in einer Beziehung zusammen?
Ängstlich und vermeidend gebundene Partner können grundsätzlich gut zusammenpassen. Typisch ist jedoch eine Nähe-Distanz-Falle, in der Drängen und Rückzug sich gegenseitig verstärken. Erkennen beide diesen Kreislauf als Muster und nicht als bösen Willen, lässt er sich gut auflösen.
Woran erkenne ich den Bindungstyp meines Partners?
Der Bindungstyp eines Partners zeigt sich meist erst nach einigen Monaten, sobald die Beziehung verbindlicher wird. Aufschlussreich sind Konflikte, Funkstille und Momente echter Nähe: Sucht der Partner dann Kontakt, zieht er sich zurück oder schwankt er zwischen beidem hin und her?
Ist der desorganisierte Bindungstyp eine Störung?
Ein Bindungstyp ist grundsätzlich weder Diagnose noch psychische Störung. Der desorganisierte Typ entsteht allerdings häufiger nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen und geht oft mit hohem Leidensdruck einher. In solchen Fällen ist professionelle, oft therapeutische Unterstützung sinnvoll.




